Wandern mit Hirtenbub Sigi Wernet auf dem Yacher Hirtenweg

Barfuß wie die Hütejungen

Unten ohne werden die schmalen, urwüchsigen Hirtenpfade rund um das Schwarzwalddorf Yach zu einem besonders intensiven Naturerlebnis. Kalte Füße braucht man nicht zu fürchten, da kennt der barfußlaufende „Hirtenbube“ Sigi einen Trick . . . Man darf die 19 Kilometer lange Tour auf den Spuren der Schwarzwälder Hütejungen natürlich auch mit Schuhen angehen.

Der Pfad vor uns ist schmal wie ein Handtuch. Sigi Wernet stapft voran – über Wurzeln und Steine, einen weichen Teppich aus Tannennadeln und Zapfen. Fingerdünne Äste zerbrechen knackend unter den Sohlen. Wir wandern barfuß. „So wie die Hirtenkinder einst“, sagt Naturführer Sigi. Wir sind ja auch unterwegs auf dem Hirtenweg in Yach.
„Juchuu!“ – Sigis lauter Ruf schallt als Echo von der gegenüberliegen Talseite zurück: „So haben sich die Hirtenkinder früher miteinander verständigt“, erklärt er: „Dann wussten sie, dass sie nicht alleine sind. Das waren ja noch kleine Kinder zwischen 9 und 14 Jahren. Die hatten Angst alleine hier oben.“

Sigi selbst war natürlich nie Hirtenjunge. Als die Yacher Bauern 1952 auf Elektrozäune umstellten, verschwanden die Hütejungen. Mit dem Hirtenweg wolle man an deren Geschichte erinnern. „Aus heutiger Sicht klingt das ja wildromantisch – Hirtenweg“, meint Sigi: „Für die Kinder gab es sicher auch schöne Momente da draußen. Aber man darf nicht vergessen, dass sie zur Arbeit gezwungen wurden.“ Die schmalen, oftmals von Kühen ausgetretenen Pfade solle man am besten barfuß laufen. So könne man am eigenen Leib nachspüren, wie sich die Kinder, die als Hirten losgeschickt worden waren, einst fühlten.

Sigi selbst läuft schon seit seiner Kindheit barfuß: „Immer ab Mai. Vorher durften wir nicht barfuß laufen. In allen Monaten mit ‘r‘ isch es zu kalt, hat meine Oma immer gesagt.“

Auch wir ziehen die Schuhe aus und genießen den direkten Kontakt mit dem feuchten, kühlen Waldboden. Zuerst schmeichelt weiches Gras den nackten Sohlen. Dann kitzeln Tannennadeln zwischen den Zehen. Und schließlich walken glatt gescheuerte Wurzeln die Fersen und Ballen durch. Die Yacher Hirtenkinder hatten diese Wahl nicht: Raus mussten sie, auf die Weide, und zwar ohne Schuhe. Lederstiefel waren teuer - „und versuch‘ mal, mit Holzschuhen auf einem Wurzelsteig dem Vieh hinterherzurennen“, meint Sigi, der alles über das Leben der Hirtenkinder weiß: „Im Oktober kann es auch mal Nachts Null Grad kalt werden – und da sind die Kinder trotzdem barfuß gelaufen.“

War es zu kalt, haben sie sich kurzerhand in warme Kuhfladen gestellt – was Sigi bei nächster Gelegenheit demonstriert: Beide Füße versinken mit einem schmatzenden Geräusch in einem frischen Haufen: „Hmm, schön warm.“
Der schmale Weg führt jetzt über eine zerzauste Bergweide, taucht dann in dichten Wald ein und schlängelt sich zwischen Felsen und Wurzeln dahin, ehe er sich auf einer offenen Wiese mit feuchtem, kniehohen Gras verliert: „Ein Genuss für die Füße“, stellt Sigi fest. „Unangenehm wird es nur auf Forstwegen mit spitzen Schottersteinen, das halten dann viele nicht mehr aus.“ Leider sind nicht mehr alle alten Pfade erhalten, so dass der Hirtenweg notgedrungen gelegentlich über steinigere Wege führt.

Aber wir haben ja Schuhe dabei und genießen die warmen Strahlen der Sommersonne: Es duftet nach Kräutern und Wald. Doch rasch ändert sich die Szenerie: Dunkle Gewitterwolken quellen hinter dem dicht bewaldeten Höhenzug hervor. Dann geht es schnell: Dicke Regentropfen klatschen auf die nackten Unterarme. Die Hütebuben da draußen konnten ja die Herde nicht alleine lassen. Sie mussten sich einen Unterstand suchen, ein Strohmantel bot notdürftigen Schutz gegen Regen. Wir haben Glück: Ehe das Unwetter mit großem Gewumms runter rauscht, sitzen wir schon in der trockenen Stube des Schneiderhofs bei einem Krug Most.