Unterwegs mit der Kräuterfrau Rosa Maria Beham

Da ist ein Kraut gewachsen

Wir sind erst wenige Meter gegangen und schon zupft Rosa Maria Beham die ersten Kräuter. Wo ich nur grünes Gras sehe, erspäht ihr fachkundiges Auge wertvolle Heilkräuter: Frauenmantel, Spitzwegerich, Habichtskraut und Blutwurz. Rosa Maria Beham ist Heilpraktikerin und Phytotherapeutin und gibt ihr Wissen über die Heilkraft der Pflanzen und deren Anwendung als Hausmittel in Kursen und Seminaren weiter. 

„Weit kommt man nicht mit mir“, sagt Rosa Maria Beham. In der Tat, sind wir doch erst vor fünf Minuten von ihrem alten Bauernhaus im Wittenbachtal, einem kleinen Nebental in Oberprechtal, losmarschiert. „Hier“, die Kräuterfrau zeigt auf ein fächerförmiges grünes Kraut, dessen Blüten voller kleiner gelber Samen sind. „Alchemilla vulgaris“. Ein Kraut, das die Germanen der Liebesgöttin Freya und die Römer der Göttin Venus zuordneten. Es ist der Frauenmantel, weil die Blätter an einen wehenden Mantel einer Frau erinnern. Der aus der Pflanze gewonnene Tee wird seit Urzeiten bei allerlei Beschwerden im Zusammenhang mit dem weiblichen Zyklus verwendet, erzählt die Kräuterfrau.

Während ich achtlos weitergegangen bin, entdeckt sie nur einen Schritt weiter ein winziges Pflänzchen. Es ist eine wunderschöne filigrane Blüte, die einer Orchidee ähnelt. Augentrost, erfahre ich. „Als Tee-Auflage hilft es prima bei Bindehautentzündungen oder trockenen Augen“, erklärt die Kräuterfrau, während sie sorgsam die Pflanze in den Korb legt.

Vieles, was Rosa Maria Beham über Kräuter weiß, haben ihr Großmutter und Mutter vermittelt. „Unsere Apotheke war der Garten.“ Für die 58-Jährige war es früher ganz selbstverständlich, anstatt zum Arzt, in den Bauerngarten zu gehen und sich mit Heilkräutern selbst zu behandeln.

Nachdem Sie die Ausbildung zur Heilpraktikerin abgeschlossen hatte, reifte in ihr der Wunsch, die bewährten Hausmittel aus der Kraft der Pflanzen in ihrer Praxis anzuwenden. Eine Ausbildung an der Freiburger Heilpflanzenschule eröffnete ihr neue Möglichkeiten, Patienten mit der traditionellen Heilpflanzenmedizin zu behandeln und ihr Wissen weiterzugeben. Denn es ist leichter als man denkt, pflanzliche Hausmittel selbst aufzubereiten. Ob als Tee oder Balsam, die Anwendungsmöglichkeiten sind sehr vielseitig.

„Ein Kraut ist nur solange ein Unkraut, bis man weiß, wofür es gut ist“, lacht Rosa Maria Beham als sie mein erstauntes Gesicht sieht. Am Bachufer schneidet sie behutsam mit der Schere ein Kraut mit weißen Blüten ab. Es duftet intensiv, süßlich und nach Honig. Als ich eines der Blätter in den Mund nehme, erinnert mich der Geschmack sofort an eine Aspirintablette. Mädesüß enthält Salicylsäure. Deshalb hatten die Germanen ihren Honigmet mit Mädesüß gewürzt: Die darin enthaltene Säure half die unangenehmen Folgen des Rausches zu lindern.

So wie jedes Kraut seine ganz bestimmte Wirkung hat, kann sehr individuell auf die Bedürfnisse des Menschen eingegangen, erzählt Rosa Maria Beham, während wir gemächlich am Wiesenrand entlang gehen. Doch die entsprechenden Pflanzen, von denen es an die 600 verschiedene Arten gibt, nur zu kennen, genügt nicht. Damit sie ihre heilenden Kräfte optimal entfalten, sind umfangreiche Kenntnisse notwendig. Ob man Blüten, Blätter, Wurzeln oder Samen verwendet, wann die Heilpflanzen geerntet werden und wie sie als Balsam, Tee oder Tinktur zubereitet werden.

Unsere Exkursion geht zu Ende und mir raucht der Kopf. Ich bin beeindruckt, dass in der Natur für jede Beschwerde ein Kraut gewachsen scheint. Das alte Wissen um die Heilkraft der Pflanzen ist gefragter denn je. Viele Menschen besinnen sich auf der Suche nach alternativen Heilmethoden wieder auf die altbewährte Heilpflanzenkunde. Gerne gibt Rosa Maria Beham ihr umfangreiches Wissen in Seminaren und Kräuterwanderungen weiter und hält Vorträge über die Kräuter ihrer Schwarzwälder Heimat.